30 Jahre Lübbenauer Stadtentwicklung

Eine Entwicklung, die nicht selbstverständlich war …

Unter der Überschrift „Erinnern – beschreiben – zuhören. Generationen tauschen sich aus: Das Jahr 1989 in Lübbenau/Spreewald“ ist am 30. August der politischen Wende gedacht worden, die die Grundlage für die neue Lübbenauer Stadtentwicklung war.

In der ehemaligen Kraftwerkskantine waren alle dazu aufgerufen, sich an die friedliche Revolution von 1989 zu erinnern. Ob Personen, die damals aktiv am Geschehen beteiligt waren, oder jene, die nur zögerlich oder vielleicht sogar gar keine Veränderung gewünscht haben. Begleitet wurde die Veranstaltung durch Susanne Kschenka, Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, sowie durch die Mitorganisatoren Joachim Liedtke, Michael Hensel und Johanna Beuckert. Anwesend waren ebenso Bürgermeister Helmut Wenzel und Ministerin Kathrin Schneider. An dem Abend formulierten die meisten Gäste eher positive Erinnerungen, wie die Interviews verdeutlichen: „Es war eine Aufbruchszeit, deshalb auch eine ganz tolle Zeit für mich.“ Einige Gäste erinnern sich eher mit gemischten Gefühlen: „Vieles damals war mit Hoffnungen verbunden. Wir wussten auch nicht, was kommt. Paar Jahre später durften wir zum Arbeitsamt gehen.“ In wenigen Wochen und Monaten veränderte sich das Leben der Lübbenauer grundlegend. Wir möchten dazu einen kurzen Überblick geben.

Die ersten Nachwendejahre 

Anfang 1990 war die Stimmung der Lübbenauer mehr als euphorisch. GWG-Vorstandssprecher Holger Siebert erinnert sich: „Ja, die Sache mit den goldenen Landschaften, die Hoffnungen der Bürger für die neue Zeit waren schon groß. Aber die Stimmung änderte sich schnell, als viele merkten, was die Veränderung für sie selbst bedeuten konnte: Beispielsweise auch Arbeitslosigkeit, weil das Kraftwerk und andere Betriebe stückweise ihre Arbeiter nach Hause schickten!“ Schon 1990 arbeiteten durch Vorruhestandsregelungen und Abfindungen etwa 450 Mitarbeiter weniger im Kraftwerk. „Da im Kraftwerk modernisiert wurde, hatte man ja anfangs noch die Hoffnung, dass es weitergeführt wird.

Und als dann die Leute mitbekommen haben, dass dem nicht so ist, sondern ganz im Gegenteil, haben sie zugesehen, dass sie Land gewinnen, weil ihre Jobs immer unsicherer wurden.“ Bis zum Jahr 1996 sind dann alle Arbeiter entlassen und das Kraftwerk stillgelegt worden. Ein herber Schlag für die Stadt und die Genossenschaft. In gut zehn Jahren verlor die Stadt 5 000 Einwohner. Das war entscheidend für den einsetzenden Wohnungsleerstand sowie für den dann nötigen Wohnungsrückbau. Siebert: „Die GWG kratzte Ende der Neunzigerjahre trotz überwiegend sanierter Bestände an der 25 %-Leerstandsquote. Die umfassenden Abrissprogramme der politischen Entscheidungsträger halfen nicht wirklich, da sich die Leerstände über alle Bereiche verteilten.“

Gemeinsam und NICHT gegeneinander

So wurde 1999 von den beiden großen Wohnungsunternehmen und der Stadt das städtebauliche Kooperationsprojekt LÜBBENAUBRÜCKE geschaffen. Gemeinsam und auf Grundlage des Lübbenauer Stadtentwicklungskonzeptes wurden in den Folgejahren in der Neustadt innovativ und beispielhaft Gebäude umgestaltet und ein vernetztes Stadtparkkonzept umgesetzt. Insgesamt 1 300 Wohnungen wurden abgerissen und die frei gewordenen Flächen umgestaltet. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands vor 30 Jahren war auch privatwirtschaftliches Engagement wieder möglich. Nicht nur die Stadtverwaltung und die Wohnungsunternehmen waren an der folgenden Stadtentwicklung beteiligt, sondern auch viele Lübbenauer Bewohnerinnen und Bewohner sowie Gewerbetreibende engagierten sich mit hohem persönlichem und fi nanziellem Aufwand. Sie leiteten damit gemeinsam eine Phase der Erneuerung ein, die in der Geschichte Lübbenaus beispiellos ist. Der konzentrierte Einsatz von Fördermitteln zur Stadtteilentwicklung unterstützte diese Prozesse wesentlich. Allen Beteiligten gilt dafür unser Respekt und Dank!

Fast alle Lübbenauer profitierten

Eine gute Lebensqualität, Gemeinsinn und Zukunftsorientierung charakterisieren die Lübbenauer Erfolgsgeschichte. Dies äußert sich auch in hohen Besucherzahlen und der in den meisten Stadtteilen wachsenden Zufriedenheit ihrer Bewohner. Fast alle Lübbenauer profi tierten von den Maßnahmen, die seit 1990 im Rahmen unterschiedlicher Programme durchgeführt wurden. Ihre Lebensverhältnisse verbesserten sich deutlich und das Bild der Spreewaldstadt und ihrer Ortsteile hat sich seither sichtbar verändert. Mit einer historischen Innenstadt, innovativen Wohnangeboten, Landschaftsgärten, einer umfassenden Infrastruktur und den facettenreichen Ortsteilen präsentiert sich Lübbenau / Spreewald heute in einer ausgezeichneten Verfassung. Die einstige Energiearbeiterstadt hat sich zu einem lebensfreundlichen Tourismus- und dienstleistungsorientierten Zentrum entwickelt. Das Wohlfühlklima motiviert zunehmend Ehemalige und neue Bürger, ihren Wohnort nach Lübbenau / Spreewald zu verlegen.

Wohin geht es in den nächsten 30 Jahren?

„Viele Gründe, um mit Respekt, Stolz, Anerkennung und Freude Rückschau zu halten“, meint Bürgermeister Helmut Wenzel. „Und vor allem auch Grund genug, um 30 Jahre Stadtentwicklung gemeinsam zu feiern und das Geschaffene zu würdigen.“ Denn dass es Lübbenau / Spreewald heute so gut geht, ist dem Engagement Vieler zu verdanken. „Ausstellungen, Geschichten, Publikationen und Feierlichkeiten an historischen Standorten sollen die vergangenen Jahre Revue passieren lassen“, informierte Wenzel weiter. „Damit soll vor allem aber auch gezeigt werden, dass diese innovative Entwicklung nicht selbstverständlich war. Es bedarf auch in Zukunft der starken Gemeinschaft und dem gemeinsamen Engagement.“ In diesem Zusammenhang rief der Bürgermeister alle Bürgerinnen und Bürger auf, über die zukünftige Entwicklung, also über die nächsten 30 Jahre nachzudenken, und stellte dazu Fragen wie: Welche Herausforderungen warten auf uns? Wie wird die Stadt in weiteren 30 Jahren aussehen? Ende diesen Jahres sollen die Vorschläge präsentiert werden.

Das Wendejahr 1989 in Fakten

  • 11.01.89 // 20 ausreisewillige DDR-Bürger flüchten in die ständige Vertretung der BRD.
  • 02.05.89 // Ungarn baut Grenzanlagen an seiner Westgrenze ab.
  • 07.05.89 // Manipulationen bei den Kommunalwahlen lösen Proteste aus.
  • Sommer 89 // Massenflucht über Ungarn und die Tschechoslowakei in den Westen.
  • 09.10.89 // 70 000 Menschen demonstrieren in Leipzig friedlich für Reformen.
  • 11.10.89 // SED-Politbüro will Dialog mit der Bevölkerung und gesteht Fehler ein.
  • 16.10.89 // 100 000 Menschen demonstrieren in Leipzig für freie Wahlen und Reisefreiheit.
  • 18.10.89 // Erich Honecker tritt zurück, Egon Krenz wird neuer SED-Generalsekretär.
  • 23.10.89 // 300 000 Demonstranten gehen in Leipzig auf die Straße.
  • 01.11.89 // DDR-Bürger strömen in die bundesdeutsche Botschaft in Prag.
    04.11.89 // Auf dem Berliner Alexanderplatz demonstrieren 500 000 Menschen. Die rund 6 000
    DDR-Bürger in der deutschen Botschaft in Prag können ausreisen.
  • 06.11.89 // Die SED-Führung veröffentlicht einen Reisegesetz-Entwurf, der den Gesamtreisezeitraum
    für DDR-Bürger auf 30 Tage im Jahr begrenzt. Der Entwurf löst Empörung aus und verstärkt die Proteste
    auf der Straße.
  • 09.11.89 // Auf einer Pressekonferenz gibt Günter Schabowski die neue Reiseregelung bekannt, die
    den DDR-Bürgern eine ständige Ausreise ohne Vorliegen von Voraussetzungen erlaubt. Auf Nachfrage
    eines Journalisten, ab wann die neue Regelung in Kraft treten würde, antwortet er knapp:
    „Sofort … unverzüglich.“ Am Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße überqueren die ersten
    DDR-Bürger die Grenze. Gegen 23:30 Uhr wird der Druck der wartenden Massen so stark, dass sich
    die Tore nach West-Berlin komplett öffnen. Bis Mitternacht wird die Öffnung aller Berliner Grenzübergänge
    erzwungen.
  • 10.11.89 // Aufgrund des anhaltenden Massenandrangs an den Grenzübergängen scheitert der
    Versuch, zu einem kontrollierten Reiseverkehr zurückzukehren. Die Mauer ist gefallen.